Weitergedacht #7 - Zwei deutsche Wege – Familie und Arbeit
- von Heike Arnold
Worum es in diesem Essay geht
Deutschland war über viele Jahrzehnte ein Land mit zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Modellen. In der Bundesrepublik und in der DDR entwickelten sich verschiedene Vorstellungen davon, wie Familie, Arbeit und staatliche Unterstützung organisiert sein sollten. Der Essay wirft einen ersten Blick auf diese Unterschiede – und fragt, was wir heute daraus lernen können.
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Deutschland war einmal ein Land mit zwei gesellschaftlichen Modellen.
Wie Familien lebten, wie Arbeit organisiert wurde und welche Rolle der Staat spielte – darauf fanden Ost und West lange unterschiedliche Antworten.
Meine Stiefoma stammte aus Chemnitz – einer Stadt, die in der DDR viele Jahre lang Karl-Marx-Stadt hieß.
Als Kind habe ich deshalb früh mitbekommen, dass es einmal zwei Deutschlands gab. Nicht nur auf der Landkarte, sondern auch im Alltag. Vieles funktionierte anders, vieles wurde anders organisiert.
Damals sprach man von der Bundesrepublik Deutschland im Westen und der Deutschen Demokratischen Republik im Osten.
Im Westen spricht man heute kaum noch darüber, was den Osten damals geprägt hat – und vielleicht bis heute prägt.
Mit dieser kleinen Reihe möchte ich deshalb den Blick noch einmal nach „drüben“ richten.
Nicht aus Nostalgie.
Und auch nicht, um Systeme gegeneinander aufzurechnen.
Sondern aus Neugier.
Vielleicht lohnt sich deshalb ein genauerer Blick auf diese Unterschiede.
Zwei Staaten, ähnliche Fragen
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Deutschland zwei Staaten: die Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten.
Beide standen vor ähnlichen Fragen. Wie organisiert man Arbeit? Wer kümmert sich um Kinder? Welche Rolle spielt der Staat im Alltag von Familien?
Die Antworten fielen unterschiedlich aus.
Familie und Arbeit im Westen
In der Bundesrepublik entwickelte sich über viele Jahre ein Modell, das stark vom Einverdienerhaushalt geprägt war. Häufig arbeitete ein Elternteil – meist der Mann – in Vollzeit, während der andere sich überwiegend um Haushalt und Kinder kümmerte.
Natürlich lebten nicht alle Familien so. Aber es war ein verbreitetes Leitbild.
Auch politische Regeln passten dazu. Das Steuerrecht behandelte Ehepaare als wirtschaftliche Einheit. Regelungen wie das Ehegattensplitting unterstützten diese Struktur.
Familie und Arbeit im Osten
In der DDR wurde Familie und Arbeit anders gedacht.
Dort galt Erwerbstätigkeit von Frauen als selbstverständlich. Der Staat ging davon aus, dass beide Eltern arbeiten. Um das möglich zu machen, entstand ein dichtes Netz aus Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorten.
Familienpolitik bedeutete hier vor allem: Arbeit und Kinderbetreuung miteinander vereinbar zu machen.
Das führte zu unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Ost und West auf einen Blick
BRD (Bundesrepublik Deutschland)
- verbreitetes Leitbild: Einverdienerfamilie
- viele Frauen arbeiten in Teilzeit
- Kinderbetreuung für Kleinkinder lange begrenzt
- Steuerrecht behandelt Ehepaare als wirtschaftliche Einheit
DDR (Deutsche Demokratische Republik)
- Erwerbstätigkeit von Frauen selbstverständlich
- sehr hohe Erwerbsquote von Müttern
- flächendeckende Kinderbetreuung (Krippen, Kindergärten, Horte)
- staatliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Ende der 1980er Jahre waren
- in der DDR über 90 % der Frauen erwerbstätig,
- in der BRD etwa 55 %.
Ein Blick zurück – und nach vorn
Mit der Wiedervereinigung 1990 änderte sich das System.
Das westdeutsche Rechts- und Sozialsystem wurde auf ganz Deutschland übertragen. Viele Institutionen der DDR verschwanden oder wurden verändert.
Der Blick zurück bleibt trotzdem interessant.
Nicht, um zu entscheiden, welches System besser war.
Sondern um zu verstehen, dass gesellschaftliche Modelle immer auch politische Entscheidungen sind.
Manches, worüber wir heute diskutieren – Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie – hat eine längere Geschichte, als man vielleicht denkt.
In der DDR gab es zum Beispiel schon in den 1970er Jahren eine Regelung, die man heute fast modern nennen könnte: das sogenannte Babyjahr. Eltern – meist Mütter – konnten nach der Geburt eines Kindes für eine Zeit aus dem Beruf aussteigen und anschließend an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Auch der Ausbau der Kinderbetreuung spielte dabei eine große Rolle.
Darauf möchte ich im nächsten Essay genauer schauen.
Denn manche Ideen, die heute als neue Antworten auf alte Fragen erscheinen, haben historische Vorläufer.
Weiterdenken ist erforderlich.