Weitergedacht #8 - Zwei deutsche Wege – Babyjahr und Elternzeit
- von Heike Arnold
Worum es in diesem Essay geht
Wie lassen sich Arbeit und Familie miteinander vereinbaren?
Diese Frage beschäftigt viele Eltern bis heute. Doch in Ost- und Westdeutschland wurden darauf lange unterschiedliche Antworten gefunden. Der Essay schaut auf das sogenannte Babyjahr der DDR und vergleicht es mit heutigen Regelungen wie Elternzeit und Elterngeld.
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Babyjahr und Elternzeit
Im letzten Essay ging es um zwei unterschiedliche gesellschaftliche Modelle in Ost- und Westdeutschland.
Besonders deutlich wurden diese Unterschiede dort, wo Arbeit und Familie aufeinandertrafen.
Ein Beispiel dafür ist eine Regelung, die heute kaum noch jemand kennt: das sogenannte Babyjahr der DDR.
Eine Idee aus den 1970er Jahren
1976 führte die DDR eine familienpolitische Maßnahme ein, die jungen Familien helfen sollte, Beruf und Kinder miteinander zu vereinbaren.
Erwerbstätige Mütter konnten nach der Geburt eines Kindes ein Jahr lang zu Hause bleiben. In dieser Zeit erhielten sie eine monatliche Zahlung, und ihr Arbeitsplatz blieb erhalten.
Die Idee dahinter war relativ einfach: Eltern sollten Zeit mit ihrem Kind verbringen können, ohne dauerhaft aus dem Berufsleben auszusteigen.
Das Babyjahr war Teil eines Systems, das davon ausging, dass Frauen grundsätzlich berufstätig sind. Eine kurze Unterbrechung sollte möglich sein – danach sollte der Weg zurück in den Beruf offenstehen.
Mehr als nur Familienpolitik
Das Babyjahr entstand nicht zufällig.
In den frühen 1970er Jahren gingen auch in der DDR die Geburtenzahlen zurück. Gleichzeitig war die Erwerbstätigkeit von Frauen hoch und für die Wirtschaft wichtig.
Die Regierung reagierte darauf mit einem ganzen Bündel familienpolitischer Maßnahmen. Dazu gehörten unter anderem
- das Babyjahr
- finanzielle Unterstützungen für junge Familien
- zinsgünstige Ehekredite
- der Ausbau der Kinderbetreuung.
Familienpolitik war in der DDR also immer auch Arbeitsmarktpolitik.
Ein kurzer Anstieg der Geburtenzahlen
Nach Einführung dieser Maßnahmen stiegen die Geburtenzahlen tatsächlich wieder an.
Besonders Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre kam es zu einem deutlichen Anstieg. Manche sprechen deshalb von einem kleinen „Babyboom“.
Viele Fachleute gehen heute allerdings davon aus, dass die Maßnahmen vor allem dazu führten, dass Paare ihre Kinder früher bekamen – nicht unbedingt mehr.
Entwicklungen im Westen
In der Bundesrepublik verlief die Entwicklung anders.
Lange Zeit ging man davon aus, dass ein Elternteil – meist die Mutter – für mehrere Jahre zu Hause bleibt. Staatliche Regelungen, die eine zeitlich begrenzte Auszeit mit Rückkehrrecht sichern, entstanden erst später.
Heute kennen wir dafür Begriffe wie Elternzeit und Elterngeld.
Auch hier steht die Idee im Mittelpunkt, dass Eltern nach der Geburt eines Kindes Zeit für ihre Familie haben sollen, ohne dauerhaft aus dem Beruf auszusteigen.
Babyjahr und Elternzeit – ein Vergleich
DDR – Babyjahr (ab 1976)
- etwa ein Jahr Freistellung nach der Geburt
- monatliche Unterstützung
- Rückkehrrecht zum Arbeitsplatz
- Teil eines Systems mit hoher Erwerbstätigkeit von Frauen
Deutschland heute – Elternzeit / Elterngeld
- Elternzeit bis zu drei Jahre möglich
- Elterngeld ersetzt einen Teil des Einkommens
- Kündigungsschutz während der Elternzeit
- unterschiedliche Familienmodelle möglich
Ein ähnlicher Gedanke
Beim Blick auf beide Systeme fällt etwas auf.
Manche Ziele sind erstaunlich ähnlich:
Zeit für das Kind, Sicherheit im Beruf, die Möglichkeit zur Rückkehr ins Arbeitsleben.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen diese Regelungen entstanden sind, waren jedoch sehr unterschiedlich.
In der DDR war das Babyjahr Teil eines Systems, in dem Erwerbstätigkeit von Frauen selbstverständlich war.
In der Bundesrepublik entwickelte sich Familienpolitik langsamer und stärker im Umfeld des traditionellen Einverdienermodells.
Ein Blick auf das Ganze
Heute wird viel darüber diskutiert, wie sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen.
Manche der Fragen sind jedoch nicht neu.
Ein Blick zurück zeigt, dass unterschiedliche Antworten schon einmal ausprobiert wurden – unter sehr verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, auch diese Erfahrungen genauer anzuschauen.
Im nächsten Essay geht es um einen weiteren wichtigen Baustein dieser Geschichte: Kinderbetreuung.
Denn ohne sie funktioniert kein Modell wirklich.
Weiterdenken ist erforderlich.
Quellenhinweis
Die im Text genannten Entwicklungen zur Familienpolitik in Ost- und Westdeutschland stützen sich unter anderem auf Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung, statistische Daten sowie sozialhistorische Studien zur DDR- und Bundesrepublik-Geschichte.