Weitergedacht #9- Geburt unter Druck

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Worum es in diesem Essay geht

Immer mehr Familien berichten, dass es schwierig geworden ist, eine Hebamme zu finden – auch im Landkreis Landshut.

Der Essay geht der Frage nach, warum das so ist: Welche Rolle hohe Haftpflichtkosten, Arbeitsbedingungen und strukturelle Rahmenbedingungen spielen – und wie sich dadurch die Geburtshilfe insgesamt verändert.

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Viele Geburten – wenig Zeit

Auch bei uns kommen jedes Jahr viele Kinder zur Welt.
Allein in Vilsbiburg sind es rund 700 Geburten im Jahr – betreut von etwa einem Dutzend Hebammen.

Das klingt zunächst solide.

Aber wer genauer hinschaut, merkt schnell:

Eine Hebamme ist oft nicht nur für eine Frau da,
sondern für zwei, drei – manchmal mehr gleichzeitig.

Dabei wäre eigentlich etwas anderes vorgesehen:

eine Hebamme pro Gebärende.

Ein Beruf, der leiser wird

Im Landkreis gibt es rund 70 Hebammen.
Aber längst nicht alle arbeiten noch in der Geburtshilfe.

Viele haben sich zurückgezogen:

wegen der Arbeitszeiten,
wegen der Verantwortung,
und wegen der Kosten.

Denn wer Geburten begleitet, zahlt für die Haftpflichtversicherung schnell bis zu 9.000 Euro im Jahr.

Das ist für viele irgendwann nicht mehr tragbar.

Wenige Fehler – große Folgen

Oft wird gefragt:
Warum ist das eigentlich so teuer?

Nicht, weil ständig etwas schiefgeht.

Sondern weil, wenn etwas schiefgeht, die Folgen gravierend sein können.

Bei rund 700.000 Geburten im Jahr sind es etwa 20 schwere Schadensfälle.

Das ist wenig.

Aber ein einziger Fall kann Kosten in Millionenhöhe verursachen – ein Leben lang.

Das Risiko ist selten, aber enorm.

Gemeinsam arbeiten – unterschiedlich tragen

Geburt ist Teamarbeit.

Hebammen begleiten die Geburt.
Ärzte kommen dazu, wenn es kompliziert wird.

Und trotzdem:

Viele Hebammen tragen ihr Versicherungsrisiko selbst.
Ärzte sind oft über Kliniken abgesichert.

Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail.

Ist es aber nicht.

Wenn Entscheidungen unter Druck entstehen

Auch die Geburt selbst hat sich verändert.

Heute wird etwa jede dritte Geburt per Kaiserschnitt durchgeführt.
Vor 30 Jahren war es etwa jede siebte.

Das hat viele Gründe:

medizinische Entwicklungen,
veränderte Risikoprofile,
bessere Überwachung.

Aber auch die Rahmenbedingungen spielen eine Rolle.

In der Geburtshilfe gilt ein einfacher Grundsatz:
Zu spät handeln kann gravierende Folgen haben.

Wenn ein notwendiger Eingriff zu spät erfolgt, kann das schwerwiegende Schäden für das Kind bedeuten – mit entsprechend hohen rechtlichen Konsequenzen.

Ein zu früher Eingriff hingegen wird deutlich seltener beanstandet.

Das führt dazu, dass Entscheidungen im Zweifel eher auf der sicheren Seite getroffen werden.

Nicht aus Bequemlichkeit,
sondern aus Verantwortung unter Unsicherheit.

Verantwortung im System

Mit einem Kaiserschnitt verändert sich auch die Rolle im Team.

Die Entscheidung und Durchführung liegen beim Arzt.
Die medizinische Verantwortung verlagert sich damit stärker in die Klinik.

Die Hebamme bleibt dennoch Teil des Geschehens:

Sie überwacht den Verlauf,
erkennt Veränderungen
und muss rechtzeitig reagieren.

Geburt bleibt also Teamarbeit.

Aber die Art, wie Verantwortung getragen wird, verschiebt sich.

Und genau darin liegt eine der stillen Veränderungen in unserem System.

Was das mit uns vor Ort zu tun hat

Das alles sind keine abstrakten Zahlen.

Das spielt sich hier ab:

in Achdorf,
in Vilsbiburg,
im Klinikum Landshut,
und auch dort, wo Familien keine Hebamme mehr finden.

Die Frage ist also nicht nur eine für Berlin oder München.

Sondern auch für uns vor Ort.

Geburt lässt sich nicht planen.

Aber die Bedingungen, unter denen sie stattfindet, schon.

Viele Hebammen haben nicht aufgehört,
weil sie ihren Beruf nicht mehr wollen.
Sondern weil sie ihn unter den gegebenen Umständen nicht mehr verantworten können.

Hohe Haftpflichtkosten, große Verantwortung, wenig Einfluss –
und das Gefühl, mit all dem allein zu sein.

Seit Jahren wird darüber gesprochen.
Geändert hat sich wenig.

Die Folge ist sichtbar:

Freiberufliche Hebammen geben auf.
Nicht vereinzelt, sondern schrittweise, leise – aber kontinuierlich.

Und mit ihnen verschwindet etwas, das sich nicht einfach ersetzen lässt:

Erfahrung.
Begleitung.
Zeit.

Was bleibt, ist ein System, das sich verändert –
nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage:

Was verändert sich in einem System,
wenn diejenigen gehen,
die es über Jahre getragen haben?

Arbeitsweise & Quellen

Dieser Essay basiert auf einer Auswertung von Positionspapieren, Fachinformationen und aktuellen Berichten zur Situation der Geburtshilfe in Deutschland.

Wesentliche Grundlagen waren:

  • Deutscher Hebammenverband (DHV)
    Positionspapiere und Hintergrundinformationen zur Haftpflichtproblematik, Versorgungslage und beruflichen Situation von Hebammen
  • Hebammen für Deutschland
    Aufbereitete Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Geburtshilfe und zu strukturellen Herausforderungen
  • Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)
    Einschätzungen zur Entwicklung von Schadenssummen und Haftpflichtrisiken im Gesundheitsbereich
  • Veröffentlichungen der Versicherungskammer Bayern
    zur aktuellen Situation und Absicherung der Hebammen-Haftpflichtversicherung
  • Ausgewählte Medienberichte und Fachbeiträge zur Versorgungslage, Arbeitsrealität und Entwicklung der Geburtshilfe in Deutschland

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